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«Zum Glück hat mich meine Mutter zum Schwingen gezwungen»
Aus einem erzwungenen ersten Training wurde eine grosse Leidenschaft: Heute gehört Sinisha Lüscher-Boakye zu den grössten Schweizer Schwingtalenten. Hier erzählt der 20-Jährige von prägenden Momenten im Sägemehl, rassistischen Anfeindungen und seinem ganz eigenen Weg durch die Schwingerwelt.
«Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust, ins Schwingtraining zu gehen. Ich spiele Fussball, drei Mal pro Woche. Nur weil sich in diesem Jahr ein Trainingstag ändert und ich am Donnerstag frei habe, findet meine Mutter, ich sollte doch mal das Schwingen ausprobieren… am Ende zwingt sie mich gar dazu: Ich muss meine Sachen packen und sie fährt mich.
Mein einziger Bezug zum Schwingsport: Zusammen mit Noah, meinem älteren Bruder, der auch Fussball spielt, verkaufe ich jeweils Getränke am Engelberg-Schwingfest. Auch meine Mutter hilft dort mit. Sobald das Schwingfest vorbei ist, stürzen wir Kinder und ins Sägemehl. Wir toben herum und kämpfen miteinander. Doch überall waren diese Späne, auch auf dem Kopf. Das finde ich gar nicht so toll.
Und jetzt stehe ich plötzlich im Schwingkeller in Olten. Im Fussballdress, natürlich ohne Fussballschuhe. Ich, ein elfjähriger schwarzer Junge, der eigentlich Fussball spielt. Mein allererstes Schwingtraining beginnt und es macht Spass. Obwohl ich oft im Sägemehl lande und das manchmal ganz schön wehtut. Ich schaffe es kein einziges Mal, jemanden auf den Rücken zu legen. Aber im Sägemehl herumzutoben und mit den anderen Jungs Faxen zu machen, das gefällt mir. Beim zweiten Training geht es bereits viel besser und irgendwann packt mich das Schwingfieber ganz.
Innerhalb von nur drei Monaten nach meinem ersten Training nahm ich an meinem ersten Schwingfest in Aristau teil (2017) und erreichte auf Anhieb den zweiten Platz (Foto: zvg).
Ich mache rasch Fortschritte im Schwingen und bin erfolgreich. Das gefällt nicht allen. Manche sind eifersüchtig, können sich sportlich nicht gegen mich wehren und versuchen, etwas an mir zu beleidigen, was ich nicht beeinflussen kann: meine Hautfarbe.
«Hey du Scheiss …, du wartest, bis wir fertig sind. Erst dann kannst du duschen!»
Ich erstarre. Was hat der gerade gesagt? Ich darf nicht mit ihnen duschen gehen, weil ich schwarz bin? Ich soll warten und danach alleine unter die Dusche?
Dieser Moment, einige Monate nach meinem Beginn als Schwinger, nimmt mich extrem mit, macht mich traurig. Und ich kann nichts dagegen tun.
«Ich glaube, die anderen haben Angst, dass ich ihnen etwas wegnehmen könnte, das ihnen selbst viel bedeutet.» (Foto: Swiss Olympic)
Eine Aussage wie diese ist heftig. Ich glaube, die anderen haben Angst, dass ich ihnen etwas wegnehmen könnte, das ihnen selbst viel bedeutet. Doch irgendwann beginnt mich genau das anzutreiben. Ich will allen zeigen, dass ich besser bin als sie. Ich sage mir: Ich bin Sinisha und ich will der erste schwarze Schwingerkönig werden.
Zum Glück kann ich in dieser Zeit auf die Unterstützung meiner Familie und meines Schwingclubs zählen. Meine Mutter ist sowieso meine Heldin. Sie hat immer alles für meinen Bruder und mich getan. Und bei uns im Schwingclub sind alle willkommen. Wir schauen zueinander. Leider ist das nicht überall so.
Foto aus der Jugend: Sinisha (rechts) mit seinem älteren Bruder Noah und seiner Mutter und Heldin Petra (Foto: zvg).
Es gibt nur wenige dunkelhäutige Schwinger. Menschen mit Migrationshintergrund sieht man an einem Schwingfest nicht besonders häufig.
Schwingen ist heutzutage sehr populär, wird immer grösser und professioneller. Dadurch kommen auch neue Leute an die Schwingfeste, nicht nur die Alteingesessenen. Das gefällt mir. Es bringt etwas Farbe rein und auch andere Meinungen und Sichtweisen. Aber es gibt leider immer noch einzelne Leute, die mit ihrem Verhalten vieles kaputtmachen. Menschen, die einfach hinter dem Mond leben.
Dabei begegne ich im Schwingsport unglaublich vielen freundlichen und offenen Menschen. Es sind nur wenige, die sich danebenbenehmen und sich rassistisch äussern. Aber genau das ist das Schwierige: Das Negative bleibt oft stärker hängen als das Positive, solche Momente vergisst man nicht einfach. Sie prägen einen, ob man will oder nicht.
Shoppen in Zürich und im Gabentempel
Trotz solcher Erlebnisse habe ich mich nie verstellt, um in die Schwingerwelt zu passen. Ich bin einfach immer ich selbst geblieben. Auch mein Name ist einfach ein Teil von mir und zeigt meine Wurzeln, mehr aber auch nicht. Klar, ich sehe anders aus und habe in meiner Freizeit einen anderen Lifestyle als viele andere Schwinger. Damit ecke ich manchmal schon ziemlich an. Aber das ist mir eigentlich wurst. Ich bin halt einfach Sinisha.
Neben dem Schwingsport interessiert sich Lüscher-Boakye für Mode und geht gerne "Käffele und Shoppen" (Foto: Instagram/@sinishaxelias).
Ich gehe gerne nach Zürich zum «Käffele und Shoppen». Ich interessiere mich für Mode und Trends, lege Wert auf meinen eigenen Stil. Das zeigt sich aber auch an meinem Schwinghemd. Ich wollte nicht eines tragen, das jeder hat. An einem Schwingfest habe ich dann ein Hemd in meiner Lieblingsfarbe Violett entdeckt. Seither ist es zu meinem Markenzeichen geworden.
Sinisha mit seinem Markenzeichen, dem violetten Schwinghemd, beim traditionellen Rigi Schwing- und Älplerfest 2026 (Bild: Keystone-SDA).
Ich komme halt auch nicht aus einer typischen Schwingerfamilie. Als Jungschwinger war ich zum Beispiel nie an einem Schwingfest der Aktiven. Meistens hatte ich Fussballmatch. Aber auch heute würde ich nicht unbedingt als Zuschauer an ein Schwingfest gehen. Ich schaue kaum Gänge und die langen Pausen mag ich sowieso nicht besonders. Ich muss zwischendurch auch einfach mal raus aus der Schwinger-Bubble.
Mittlerweile bin ich sonst aber ziemlich fest drin und recht traditionell. Ich mag zum Beispiel Glocken oder Stühle als Preise. Das finde ich geil.
Das ist ja das Schöne am Schwingen: Du kannst dir deinen Preis im Gabentempel selbst aussuchen. Manche nehmen lieber Bargeld oder eine Bohrmaschine. Ich schwinge glücklicherweise nicht wegen dem Geld und brauche auch keine Bohrmaschine. Ich weiss aber auch, dass andere Schwinger mehr auf dieses Geld angewiesen sind. Ich möchte lieber eine Erinnerung an dieses coole Fest. Deshalb entscheide ich mich meistens für eine Glocke. Irgendwann will ich unbedingt eine richtige Schwingerstube haben, in der ich all meine Preise ausstellen kann.
Der Gabentempel an sich ist schon etwas Spezielles. Von mir aus bräuchte es ihn nicht unbedingt, denn schliesslich geht es mir um den sportlichen Erfolg und nicht um die Preise. Natürlich bin ich aber dankbar, dass es diese Tradition gibt und sich so viele Menschen mit Spenden engagieren. Für manche ist der Gabentempel sicher auch eines der Highlights am Schwingen.
Nicht alles muss bleiben, wie es ist
Mit diesen Eigenheiten und Gepflogenheiten ist Schwingen natürlich schon ein urschweizerischer Sport und teilweise eher konservativ. Trotzdem würde ich nicht grundsätzlich sagen, dass Schwingen ein konservativer Sport ist.
Denn genau von diesen Stereotypen müssen wir wegkommen. Ich kann schon verstehen, dass jemand, der divers ist, nicht unbedingt Lust hat, einen Sport zu betreiben, in dem er vielleicht klein gemacht wird, weil er anders ist. Ich habe ja dieselbe Erfahrung gemacht. Deshalb sollte der Schwingsport unbedingt zugänglicher und offener werden, für alle Menschen unabhängig von Geschlecht oder Herkunft. Zum Beispiel könnten wir versuchen, das Schwingen stärker in die Schulen zu bringen, auch in den Städten.
Das heisst nicht, dass ich alle Traditionen über Bord werfen möchte. Glocken, Trachten oder Schwingerhemden gehören für mich einfach dazu. Andere Dinge könnte man meiner Meinung nach eher überdenken. Den Festakt zum Beispiel brauche ich als Sportler nicht unbedingt. Das dauert zu lange. Mir ist aber auch völlig bewusst, dass der Festakt für die Organisatoren sehr wichtig ist.
Sinisha möchte bei einem Schwingfest nicht alle Traditionen über Bord werfen, seine Gegner zumindest auf den Boden (Foto: Keystone
Was es sportlich unbedingt braucht, ist eine Professionalisierung bei den Kampfrichtern. Der Sport entwickelt sich rasant weiter, aber in diesem Bereich hinkt man noch hinterher. Da müssen wir ansetzen: Die Kampfrichter besser ausbilden, begleiten und angemessen entschädigen. Es ist immer noch eine ehrenamtliche Tätigkeit, für die sie lediglich Spesen erhalten. Das muss sich ändern. Vielleicht wäre es auch einen Versuch wert, zwei Kampfrichter einzusetzen. Manchmal wird auch über die Einführung eines Videorichters diskutiert. Das finde ich aber unrealistisch. Es würde unglaublich viele Ressourcen brauchen und ich weiss auch nicht, ob das zum Schwingsport passen würde.
Der «Schwinger-Dude»
Schwingen ist so ein cooler Sport, der einem unglaublich viel gibt: Freude, tolle Freundschaften und wertvolle Lebenserfahrungen. Deshalb finde ich es schade, wenn sich gewisse Menschen wegen des Verhaltens einiger weniger nicht willkommen fühlen.
Ich selbst habe durch das Schwingen Menschen kennengelernt, die mich bis heute begleiten. Einer davon ist mein Athletiktrainer «Jürgli». Wie wir uns kennengelernt haben, ist eine ziemlich verrückte Geschichte.
Mit 16 Jahren gehe ich an eine Homeparty. Es hat viele Leute, die ich nicht kenne. Plötzlich kommt ein Mädchen auf mich zu und fragt: «Bist du nicht dieser Schwinger-Dude?». Kurz zuvor habe ich mit dem ENST-Schwingfest, den alle drei Jahre stattfindenden Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag, gewonnen. Aber woher weiss sie das? Sie sieht nicht gerade so aus, als würde sie sich für das Schwingen interessieren.
Sinisha mit seinem Schwingtrainer Gregor "Gregi" Bucher (links) und seinem Mentor und Begleiter Jürg "Jürgli" Monhart (rechts) (Foto: zvg).
Sie erzählt mir, dass sie früher gejodelt habe und im Trachtenverein gewesen sei. Und ihr Vater sei Schwingtrainer. Das kann ich fast nicht glauben. Um mir das zu beweisen, ruft sie ihn an: «Papa, ich habe da so einen Schwinger gefunden!».
Plötzlich habe ich ihren Vater «Jürgli» am Telefon. Er ist Polizist und Athletiktrainer. Oh mein Gott, denke ich. Ich weiss nicht einmal, was Athletiktraining überhaupt ist. Er fragt mich, ob ich Interesse hätte, mit ihm zu trainieren. Keine Ahnung, denke ich mir. Schliesslich bin ich gerade an einer Homeparty.
Er sagt dann, er komme mal vorbei. Eine Woche später sitzt er bei uns zu Hause am Küchentisch und wir trinken gemeinsam Kaffee. Seit diesem Tag ist Jürgli mein Trainer. Mittlerweile ist er aber weit mehr als das. Er hat mich auch in der Schule und während meiner Lehre unterstützt. Wir haben zusammen viel erlebt und können heute auch richtig gut miteinander lachen.
Er, die guten Trainings und das gesamte Team um mich herum haben massgeblich dazu beigetragen, dass ich in den letzten Jahren so grosse Fortschritte machen konnte, mich innerhalb der Top 20 verbessern und mehr Kranzfestsiege feiern konnte.
Im Nachhinein bin ich meiner Mutter sehr dankbar, dass sie den kleinen Sinisha damals zum Schwingen gezwungen hat. Und auch die Sägemehlspäne sind mittlerweile gar nicht mehr so schlimm.»
Sinisha im Schwingkeller Olten (Foto: Swiss Olympic).
Sinisha Lüscher-Boakye (20) wuchs gemeinsam mit seinem älteren Bruder Noah in Uerkheim (AG) auf. Seine Mutter Petra zog die beiden Brüder alleine gross, nachdem sich die Eltern früh getrennt hatten und sein Vater nach Ghana zurückgekehrt war. Seit seinem achten Lebensjahr ist Sinisha Lüscher-Boakye Mitglied des Schwingklubs Olten-Gösgen. 2021 gewann er den Eidgenössischen Nachwuchsschwingertag, 2025 feierte er seinen ersten Kranzfestsieg und sicherte sich am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest in Mollis erstmals den Eidgenössischen Kranz. Neben dem Schwingsport arbeitet er in einem 30-Prozent-Pensum als Privatkundenberater bei der Raiffeisenbank. Im Herbst 2026 beginnt Sinisha Lüscher-Boakye mit der Sport-RS und freut sich darauf «in Magglingen wie ein Profi trainieren zu können».
Aufgezeichnet von Loïc Schwab, Medienteam von Swiss Olympic