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15. Juni 2026

«Ich hasse es runterzulaufen»

Für Jenna Gygi beginnt jeder Sprung mit einem der schwierigsten Momente: dem Stehen an der Kante. Aus über 600 Metern stürzt sie sich ins Tal, nicht aus Leichtsinn, sondern aus Faszination fürs Fliegen. Gerade in den vergangenen Wochen hat der Sport mit mehreren tödlichen Unfällen erneut seine gefährliche Seite gezeigt. Hier erzählt sie, warum sie trotzdem immer wieder springt.

«620 Meter über dem Boden. Vor mir: Eiger, Mönch und Jungfrau. Unter mir: Zwanzig Sekunden freier Fall.

Ich stehe überhaupt nicht gerne hier am Abgrund. Noch weniger gerne bleibe ich länger da stehen. Dieses Gefühl, wenn die Zehen an der Kante sind und unter mir nur Luft ist, macht mich nervös. Daran habe ich mich nie gewöhnt. Und wenn ich ehrlich bin: Ich wollte mich auch nie daran gewöhnen.

Trotzdem stehe ich hier, schaue ins Lauterbrunnental und atme tief ein. Drei, zwei, eins und los.

Es geht steil nach unten, immer schneller und schneller. Mein orangefarbener Anzug füllt sich innerhalb von Sekunden mit Luft. Ich bekomme Auftrieb und gleite über das Tal.

Fliegen

Für einen Moment wird alles ruhig. Ich spüre den Wind, bin vollkommen im Hier und Jetzt und erlebe dieses Gefühl, das mich immer wieder zurückbringt: Freiheit. Für ein paar Sekunden komme ich dem Vogelsein so nahe wie sonst nie. Das ist der Moment, der mir extrem guttut.

Ich hatte schon als kleines Mädchen eine Vorliebe für alles, was fliegt. Vögel haben mich fasziniert. Die Vorstellung, schwerelos durch die Luft zu gleiten, liess mich nie los. Mit einem Wingsuit kommen wir dem Fliegen wie ein Vogel am nächsten. Und genau davon habe ich geträumt.

“Die Mehrheit der Leute denkt: Alle, die sich mit einem Wingsuit eine Felswand hinunterstürzen, sind absolut geisteskrank.”

Die Mehrheit der Leute denkt: Alle, die sich mit einem Wingsuit eine Felswand hinunterstürzen, sind absolut geisteskrank. Ich kann das bis zu einem gewissen Punkt nachvollziehen. Und wie gesagt: Es ist kein angenehmes Gefühl, ungesichert an einer Felskante zu stehen und in die Tiefe zu schauen.

Aber es steckt viel mehr dahinter als Menschen, die einfach einen Kick suchen und die ganze Zeit ihr Leben riskieren. Natürlich gibt es auch diesen Typ. Das gibt bei fast jeder Bergsportart.

«Mit dem Wingsuit zu fliegen, ist das Nächste, was wir Menschen dem Fliegen eines Vogels jemals kommen werden» (Bild: zvg).

«Mit dem Wingsuit zu fliegen, ist das Nächste, was wir Menschen dem Fliegen eines Vogels jemals kommen werden» (Bild: zvg).

Die meisten Wingsuit-Pilotinnen und -piloten, die ich kenne, führen ein ganz normales Leben. Sie haben Familien, normale Berufe und Verpflichtungen. Viele verbringen ihre Freizeit gerne in den Bergen, sind ruhige Personen und schätzen die Gemeinschaft mit ihren Freunden. Was uns verbindet, ist nicht die Suche nach dem Reiz, sondern die Leidenschaft fürs Fliegen und für die Natur. Mit Freunden zusammen vier Stunden zu einem Absprung hochwandern, gute Gespräche führen und den Tag in den Bergen weit weg vom Lärm des Alltags verbringen, das liebe ich. Runterlaufen hingegen, hasse ich.

“Was uns verbindet, ist nicht die Suche nach dem Reiz, sondern die Leidenschaft fürs Fliegen und für die Natur. ”

In den Medien hört man vom Wingsuit-Fliegen meist nur dann, wenn etwas schiefgeht. Entsprechend schnell wird man abgestempelt: als risikofreudiger Egoist oder Adrenalinjunkie. Dabei ist die Realität deutlich vielschichtiger.

“Entsprechend schnell wird man abgestempelt: als risikofreudiger Egoist oder Adrenalinjunkie.”

Ich würde mich nicht als risikofreudigen Menschen bezeichnen. Klar, es tut gut, die eigene Komfortzone zu verlassen und sich neuen Herausforderungen zu stellen. Aber ich würde diesen Sport nicht ausüben, wenn ich ständig das Gefühl hätte, mir gleich ein Bein zu brechen oder vielleicht gar nicht mehr nach Hause zu kommen. Auch wenn das von aussen betrachtet kaum nachvollziehbar erscheint: Für mich hat das Springen in den Bergen etwas unglaublich Beruhigendes.

Wingsuit-Fliegen ist ein risikoreicher Sport, natürlich. Mein Ziel ist nicht, Risiken einzugehen, sondern das Risiko möglichst klein zu halten. Genau deshalb investiere ich viel Zeit in konsequente Vorbereitung, schaue Videos, studiere Google Maps, mache regelmässige Trainings und treffe konservative Entscheidungen. Dazu gehört selbstverständlich eine sorgfältige Materialkontrolle und dass ich meine persönlichen Grenzen respektiere. Wenn die Bedingungen nicht stimmen, springe ich nicht.

“Ich würde diesen Sport nicht ausüben, wenn ich ständig das Gefühl hätte, mir gleich ein Bein zu brechen oder vielleicht gar nicht mehr nach Hause zu kommen.”
Gygi wird regelmässig für Vorträge an Events gebucht und spricht über den Traum vom menschlichen Flug (Bild: zvg)

Gygi wird regelmässig für Vorträge an Events gebucht und spricht über den Traum vom menschlichen Flug (Bild: zvg)

Genau darüber spreche ich auch, wenn ich für Vorträge eingeladen werde: Wie gelingt gutes Risikomanagement? Für mich ist es jedes Mal befriedigend, wenn die Leute danach mit einem differenzierteren Bild nach Hause gehen und am Ende etwas mehr Verständnis da ist als nur: «Das sind alles Spinner.»

Von der Wochenendspringerin zur Weltmeisterin

Auch ich kannte das Fallschirmspringen nur von Videos auf YouTube. Lange dachte ich, das ist etwas, was du einfach nur im Militär machen kannst. Fallschirmspringen und auch Basejumpen (siehe Kasten unten) sind mittlerweile viel sichtbarer geworden. Es entstand ein kleiner Hype, vermutlich wegen Social Media.

Mein damaliger Nachbar hat mich 2012 zum Fallschirmspringen gebracht. Nach einem strengen Arbeitstag nahm er mich an einem Freitagabend zu einem Tandemsprung mit. Damals war ich 22 Jahre alt. Ein Sprung hat gereicht, und es hat mich gepackt.

Zunächst war ich eher eine Wochenendspringerin. Ich arbeitete unter der Woche im Büro und ging springen, sobald ich Zeit hatte. Nach rund 200 Fallschirmsprüngen begann ich mit dem Wingsuit-Fliegen aus dem Flugzeug und merkte schnell, dass mich diese Disziplin besonders faszinierte. Ich habe dann intensiv an meinen Fähigkeiten gearbeitet. Irgendwann kündigte ich meinen Job und machte das Wingsuit-Fliegen zu meinem Beruf, obwohl das überhaupt nicht mein Ziel war. Dank Coaching, Sponsoring und Vorträgen rund um das Wingsuit-Fliegen verdiene ich heute meinen Lebensunterhalt damit.

Ich war und bin viel unterwegs. Mal gehe ich nach Spanien, um ein Camp zu leiten, mal nach Italien für ein Coaching. Daneben bleibt nicht viel Zeit für anderen Sport. Ab und zu gehe ich klettern, aber mehr, weil es mir hilft, sicherer zu sein, wenn ich irgendwo hochlaufen muss und auch ein paar Kletterstellen dabei sind.

«Den Tag in den Bergen weit weg vom Lärm des Alltags verbringen, das liebe ich.» (Bild: zvg).

«Den Tag in den Bergen weit weg vom Lärm des Alltags verbringen, das liebe ich.» (Bild: zvg).

Ich habe auch an Wingsuit-Wettkämpfen teilgenommen. Das kann man sich wie Olympische Spiele im Miniformat vorstellen – mit dem Unterschied, dass die Zuschauenden ausser der Landung kaum etwas sehen. Du springst in Teams aus dem Flugzeug und fliegst in der Luft vorgegebene Formationen und Figuren. Anschliessend werden die Sprünge anhand von Videoaufnahmen von einer Jury bewertet.

Gemeinsam mit meinen Teamkollegen wurde ich in Russland 2021 sogar Weltmeisterin. Auf diesen Titel bin ich stolz. Trotzdem bin ich heute froh, dass ich keine Wettkämpfe mehr bestreite. Denn nach einem Wettkampfsprung denkst du nicht: «Das war mega cool.» Du bist ständig am Performen: besser, schneller und schöner. Ausserdem ist der Wettkampfsport sehr zeit- und kostenintensiv.

Jenna Gygi wird mit ihrem Team (Jarno Cordia links & René Terstegen rechts) 2021 in Sibirien Wingsuit-Weltmeisterin in der Disziplin Akrobatik (Bild: zvg).

Jenna Gygi wird mit ihrem Team (Jarno Cordia links & René Terstegen rechts) 2021 in Sibirien Wingsuit-Weltmeisterin in der Disziplin Akrobatik (Bild: zvg).

Die wichtigste Fähigkeit: Nein sagen

Springen. Fliegen. Landen. Ich höre oft: «Es sieht so einfach aus, wie du fliegst.» Ist es natürlich nicht. Wingsuit-Fliegen ist nichts, das man in ein paar Wochen lernt – zumindest nicht, wenn man es langfristig und sicher machen möchte.

Als ich angefangen habe, war eine Faustregel: Du musst 1000 Fallschirmsprünge absolvieren, bevor du einen Basejump mit dem Wingsuit machst. Die Leute hatten viel mehr Geduld. Heutzutage kann es nicht schnell genug gehen: Du kannst innerhalb von wenigen Tagen einen Kurs machen mit 200 Fallschirmsprüngen und dann schon mit dem Wingsuit anfangen. Das finde ich völlig daneben, es ist einfach zu früh und gefährlich, denn dann bist du noch viel zu unerfahren.

Jenna Gygi im Landeanflug nach einem Spung mit dem Wingsuit (Bild: zvg).

Jenna Gygi im Landeanflug nach einem Spung mit dem Wingsuit (Bild: zvg).

Und es sind genau die kritischen Momente, in denen du sehr streng zu dir selbst sein musst. Manchmal stehe ich an einem Absprung, ziehe den Wingsuit wieder aus, verstaue ihn im Rucksack und laufe zurück ins Tal. Das ist nicht immer einfach. Die Bedingungen sehen vielleicht gut aus, alle Freunde sind motiviert und du bist die Einzige, die ein ungutes Gefühl hat. Beispielsweise weil du einfach schlecht geschlafen hast.

“Wir haben eine einfache Regel: Wenn jemand nicht springen will, springt niemand.”

Ich springe nur mit Leuten, denen ich vertrauen kann. Wir haben eine einfache Regel: Wenn jemand nicht springen will, springt niemand.

Für mich gibt es auch einen klaren Unterschied zwischen Mut und Leichtsinn. Ein grosser Teil der Unfälle passiert wegen schlechter Entscheidungen. Wenn am Absprung jemand sagt: «Mach doch noch einen Frontflip, das ist ganz einfach» und du tust damit etwas, das eigentlich ausserhalb deiner Fähigkeiten liegt, dann ist das für mich leichtsinnig. Mutig ist in diesem Moment nicht der Sprung. Mutig ist, wenn du hinstehst und sagst: «Nein. Heute nicht.»

“Mutig ist in diesem Moment nicht der Sprung. Mutig ist, wenn du hinstehst und sagst: «Nein. Heute nicht.»”

Die Risiken des Sports sind für mich nicht nur eine theoretische Grösse. Im Laufe der Jahre habe ich Unfälle im Umfeld der Wingsuit- und Basejump-Szene miterlebt. Jeder einzelne hat Spuren hinterlassen. In solchen Momenten wird dir bewusst, was wirklich passieren kann.

Ich habe noch nie eine Situation erlebt, bei der ich sagen musste: Da hatte ich jetzt viel Glück. Klar es gab schon Sache, die ich vielleicht nicht erwartet habe und die ich dann lösen musste. Etwa ein um 360 Grad verdrehter Fallschirm oder eine etwas zu tiefe Position.

Ich betrachte das Risiko nicht als etwas, das nur Extremsportler betrifft. Risiken sind Teil des Lebens. Egal ob in den Bergen, auf der Strasse oder im Alltag. Der Unterschied liegt darin, wie bewusst man ihnen begegnet. Umso wichtiger sind eine realistische Selbsteinschätzung, gute Vorbereitung und der Respekt vor den eigenen Grenzen. Ich verlasse mich dabei nicht nur auf mein persönliches Gefühl, sondern tausche mich regelmässig mit erfahrenen Pilotinnen und Piloten aus und bespreche Flüge im Nachhinein.

“Je mehr Sprünge du machst, desto mehr Risiko gehst du ein.”

Deshalb spreche ich möglichst transparent über den Sport. Ja, es gibt Unfälle. Im Lauterbrunnental werden pro Saison ungefähr 20'000 bis 25'000 Basejumps gemacht, von denen bis zu drei tödlich enden. Gleichzeitig gilt: Je mehr Sprünge du machst, desto mehr Risiko gehst du ein. Bei Unfällen ist es oft zu einfach zu sagen, jemand habe einfach seine Grenzen überschritten. In vielen Fällen spielen mehrere Faktoren zusammen: Wetter, Gelände, Material, mentale Verfassung, Fehleinschätzungen oder eine Verkettung kleiner Fehler. Gerade deshalb sind Selbstreflexion, offene Gespräche und eine ehrliche Risikoeinschätzung so wichtig.

Mittlerweile gibt es eine App (siehe SRF-Beitrag mit Jenna Gygi), bei der ich den Sprung anmelden muss. Nach der Freigabe durch Air Glacier habe ich zwei Minuten Zeit, um abzuspringen. Das verbessert die Sicherheit für alle, die sich im Luftraum bewegen.

«Ich bin gelandet, alles gut»

Das Erste, was ich nach der Landung mache, ist, meiner Mutter zu schreiben: «Ich bin gelandet, alles gut». Für mich ist das nur eine kurze Nachricht, für sie bedeutet sie sehr viel.

1995: Die 5-jährige Jenna träumt vom Fliegen (Bild: zvg).

1995: Die 5-jährige Jenna träumt vom Fliegen (Bild: zvg).

Gerade am Anfang war mein Beruf für sie nicht einfach. Heute kann sie deutlich besser damit umgehen. Ein Grund dafür ist, dass sie gesehen hat, wie verantwortungsvoll ich entscheide. Sie weiss, dass ich einen Sprung auch einmal sein lasse, wenn sich etwas nicht richtig anfühlt.

“Der Moment, in dem ich an der Kante stehe und nichts mehr fühle, ist der Moment, in dem ich etwas ändern muss. ”

Natürlich habe auch ich mich ans Runterspringen gewöhnt. Ich weiss genau, was passiert. Aber normal, wie ein Kaffee mit Freunden wird es nie. Der Moment, in dem ich an der Kante stehe und nichts mehr fühle, ist der Moment, in dem ich etwas ändern muss. Egal wie oft ich einen Sprung mache, ich gehe immer wieder so an den Absprung, als wäre es das erste Mal. Ich stehe an der Kante und atme tief ein. Drei, zwei, eins und los.»

 

Wingsuit-Fliegen
Wingsuit-Fliegen ist eine besonders spektakuläre Form des Basejumpings. Dabei tragen die Sportlerinnen und Sportler einen speziellen Flügelanzug (Wingsuit), der durch Stoffflächen zwischen Armen und Beinen Auftrieb erzeugt. Dadurch können sie nach dem Absprung nicht nur fallen, sondern auch über mehrere Kilometer gleiten. Im verschiedenen Wettkampfformaten geht es darum, möglichst grosse Distanzen zurückzulegen, Figuren wie Rollen oder Drehungen in der Luft auszuführen oder in Formationen zu fliegen.

Base ist ein Akronym für die vier Kategorien von Absprungobjekten: Building (Gebäude), Antenna (Antenne), Span (Brücke oder Spannweite) und Earth (Erde: Klippen, Felswände, Berge etc.). Im Gegensatz zum Fallschirmspringen aus 4'000 Metern Höhe beginnt Basejumping schon in 600 bis 800 Metern. Der aerodynamische Wingsuit dient nur für die Flugphase, in der über 200km/h erreicht werden können. Vor der Landung wird der Fallschirm im Rucksack ausgelöst, gelandet wird wie beim normalen Fallschirmspringen auf den Füssen.


Über:
Jenna Gygi arbeitete als Kommunikationsplanerin, bevor sie durch ihren Nachbarn zum Fallschirmspringen fand. Doch es gibt etwas, das dem Gefühl des Fliegens ihrer Meinung nach noch näherkommt: das Wingsuit-Fliegen. Die 35-jährige Bernerin ist mittlerweile Wingsuit-Weltmeisterin, hat über 750 Basejumps und 6000 Fallschirmsprünge auf dem Buckel, trainiert Athletinnen und Athleten und organisiert Veranstaltungen. Ebenso wird die Präsidentin der Swiss Base Association für Wingsuit-Stuntvorführungen und Vorträge gebucht.

Website: https://www.jennagygi.com/

Aufgezeichnet von Loïc Schwab, Medienteam von Swiss Olympic