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«Noch heute fällt es mir schwer, meine Ferien zu planen»
Marc Reichert beendete seine Eishockeykarriere vor neun Jahren standesgemäss mit dem Meistertitel. In den ersten Jahren danach hatte er hingegen wenig zu feiern. Hier erzählt er von der Schwierigkeit, nach einem Sportlerleben im Rampenlicht eine sinnvolle, befriedigende Aufgabe zu finden. Und er verrät, welche Eigenschaften, die ihn auf dem Eis ausgezeichnet haben, ihm auch bei seiner Arbeit in der Justizvollzugsanstalt Hindelbank zugutekommen.
«Auf den ersten Blick ist der Unterschied schon krass: Jahrelang war mein Arbeitsplatz die Postfinance-Arena in Bern mit über 17‘000 Zuschauer*innen, heute bin ich hinter mehrfach gesicherten Türen und Stacheldraht hier in der Frauen-Justizvollzugsanstalt in Hindelbank tätig. Es ist eine ganz andere Welt. Bis vor neun Jahren war mein Berufsalltag sehr emotional: Mal wirst du ausgepfiffen, mal nach vorne gebrüllt, mal frenetisch gefeiert, dann wieder hart kritisiert. Wenn dir kurz vor Schluss etwas Entscheidendes gelingt, kannst du dir keinen schöneren Beruf vorstellen als den des Eishockeyprofis. Und wenn du am nächsten Tag wieder Medikamente schluckst, weil die Hüfte so stark schmerzt, dass du kaum noch gehen kannst, spürst du, wie hoch der Verschleiss ist.
Ich hatte grosses Glück in meiner Karriere. Als einer von nur ganz wenigen Spielern stand ich in über 1000 Nationalliga-Spielen auf dem Eis, und ganz zum Schluss durfte ich als Krönung noch einmal mit dem SC Bern den Meisterpokal in die Höhe stemmen. Ein Happy End war‘s trotzdem nicht ganz. Am 20. April 2017 stand ich leider nicht auf dem Eis der Zuger Bossard-Arena, sondern fieberte oben auf der Tribüne mit. Ich hatte mir im Viertelfinal gegen den EHC Biel drei Rippen gebrochen und war nicht rechtzeitig wieder fit geworden. Trotzdem war ich an diesem Tag sehr zufrieden. Ich dachte an den harten Moment fünf Jahre zuvor zurück, als der SC Bern mir keinen neuen Vertrag mehr gegeben hatte. Auch das gehört zum Sport: Egal, wie gross deine Verdienste um einen Klub sind, wenn die Leistung nachlässt, wirst du aussortiert.
Krönender Abschluss: Marc Reichert gewinnt zum Karriereende 2017 noch einmal einen Meistertitel mit dem SC Bern (Foto: zvg)
Ich nahm die Situation sportlich, wechselte zu Ambri und spielte dort so befreit auf, dass mich der SCB zwei Jahre später in einer schwierigen Situation noch einmal zurückholte. Ich spielte eine kleinere Rolle in den letzten drei Saisons, aber ich war mit meiner Erfahrung und Ruhe ein wichtiges Element, konnte die jüngeren Spieler unterstützen und parallel zum Hockey den Bachelor in Betriebsökonomie machen. So hängte ich die Schlittschuhe mit einem guten Gefühl an den Nagel. Ich hatte den Eindruck, der Kreis habe sich geschlossen, ich sei mit 36 Jahren reif für das nächste Kapitel.
Aber ganz egal, wie gut du dich vorbereitest: Der Rücktritt vom Spitzensport ist eine Zäsur. Es braucht Zeit, sich ans Leben danach zu gewöhnen. Zu Beginn ging es gut. Endlich mehr Zeit für die Familie, eine längere Reise durch die USA, dann beruflicher Neustart in einer Sportvermarktungsagentur. Von aussen sah das wie ein reibungsloser Übergang aus, aber wenn ich ehrlich bin, tat ich mich schwer in den ersten Jahren nach dem Rücktritt. Ich hatte Mühe, meinen Rhythmus zu finden ohne Trainings und Matches, mir meine Wochen und Monate selber zu organisieren. Noch heute fällt es mir schwer, Anfang Jahr meine Ferien zu planen
Als zu Beginn der nächsten Saison mein Trikot mit der Nummer 26 unters Hallendach hochgezogen wurde, war mir klar: So emotional wird es nie mehr sein für mich. Ich wusste aber auch: Dienst nach Vorschrift ist nicht mein Ding – ich möchte auch in Zukunft Verantwortung übernehmen und mich mit voller Kraft für etwas einsetzen.
Insgesamt absolvierte Reichert 16 Saisons beim SCB und stand in der Nationalliga über 1000 Spiele auf dem Feld (Foto:Keystone-SDA)
In den ersten sechs Jahren nach dem Rücktritt habe ich vier verschiedene Jobs gemacht. Es ist nicht einfach, wenn du auf der Suche nach einer Arbeit bist, der du mit Leidenschaft nachgehen kannst, aber keine Berufserfahrung und keinen klaren inneren Kompass hast. Dass ich in einer Agentur begann, die Eishockey vermarktet, war wohl der Weg des geringsten Widerstands. Dank meiner Bekanntheit konnte ich ohne Probleme Termine vereinbaren, es gab viele Leute mit Einfluss, die sich noch so gerne mit dem Reichert zum «Käfele» trafen; aber ich war nicht Verkäufer genug, um locker den Schritt vom «Käfele» zum Geschäftsabschluss hinzubekommen. Auch die zweite Stelle im Eishockeybusiness war kein Volltreffer. Ich kannte mich aus mit Fanartikeln, klar, war Mitglied der Geschäftsleitung eines bekannten Handelsunternehmens, aber mir fehlte der Sinn, die Befriedigung am Ende des Tages.
Reichert verabschiedet sich vom Berner Publikum und weiss: «So emotional wird es nie mehr sein für mich» (Foto: Keystone-SDA)
Hier in der Justizvollzugsanstalt Hindelbank ist das ganz anders. Ein solcher Ort ist so ziemlich das Gegenteil der glamourösen Sportwelt. Klar, wir Eishockeyaner waren nie so abgehoben wie manche Fussballer, aber ein Hockeyprofi lebt schon auch in einem goldenen Käfig. Was ich als Druck, Stress und Einschränkung empfunden hatte, waren Luxusprobleme im Vergleich zu den Lebensgeschichten der Frauen, die hier ihre Strafe verbüssen. Viele stammen aus zerrütteten Familien, sind traumatisiert von Gewalterfahrungen, Verlust, Ausgrenzung. Für mich bedeutet die Arbeit hier, dass ich, der so viel Glück hatte, etwas zurückgeben kann. Zuerst war ich nicht sicher, ob es mir gelingen würde, die einzelnen Lebensgeschichten hier im Gefängnis zu lassen oder ob ich sie mit nach Hause nehmen würde zu meiner Frau und unseren drei Kindern. Aber nach gut drei Jahren weiss ich: Es gelingt mir ganz gut, im Moment zu leben und mich auf das zu konzentrieren, was ich beeinflussen kann. Als Leiter Arbeit und Bildung bin ich verantwortlich für die Betriebe im Gefängnis, die Zuteilung der Eingewiesenen in die Küche, die Wäscherei, die Gärtnerei und das Werkatelier.
Marc Reichert lors de l’entretien organisé pour ce blog à la prison d’Hindelbank (Photo: Swiss Olympic).
Wir versuchen, hier hinter Gittern so gut wie möglich die Welt von draussen abzubilden, und die Arbeit ist ein wesentliches Element der psychischen Stabilisierung und der Reintegration. Nicht für alle ist es ein realistisches Ziel, nach der Haftentlassung im ersten Arbeitsmarkt Fuss zu fassen, je nach Vorgeschichte und sozialem Umfeld sind die Aussichten eher düster. Doch egal, was jemand getan hat und wie die Perspektiven sind: Ich konzentriere mich auf die einzelne Person, nicht auf ihr Delikt oder ihre Defizite. Und wenn es gelingt, für eine junge Frau mit schwierigen Voraussetzungen eine Lehrstelle zu finden oder auf andere Weise jemandem neue Perspektiven aufzuzeigen, dann ist das enorm befriedigend. Es ist schön, wenn dir 17‘000 in einem ausverkauften Stadion zujubeln, aber wenn du mit deinem Team mithelfen kannst, dass sich ein Leben zum Guten wendet, hat das eine ganz andere Tiefe.
So gross die Unterschiede zwischen Eishockey und einer Justizvollzugsanstalt sind: Ich denke, meine Erfahrungen aus dem Spitzensport helfen mir bei der heutigen Tätigkeit. So weiss ich seit langem, dass es in jedem guten Team verschiedene Rollen gibt und dass es fatal wäre, wenn ich als Chef glauben würde, ich könne alles am besten. Ich übergebe gerne Verantwortung, kann mich zurücknehmen und andere entscheiden lassen. Und dort, wo ich entscheide, erwarte ich nicht, dass alle kuschen. Wenn mich der Spitzensport eine Sache gelehrt hat, dann ist es Kritikfähigkeit. Beim SC Bern wurden wir permanent kritisiert – von Kollegen, vom Trainer, von Journalisten und vom polternden Präsidenten. Nach all diesen Erfahrungen bringt mich heute nichts so rasch aus der Ruhe.
Dem Eishockey bin ich in der Rolle als TV-Experte verbunden geblieben. Es ist verrückt, wie sich der Sport entwickelt hat. Als ich am Olympia-Turnier das Spiel der Schweiz gegen Kanada zuhause am Fernsehen verfolgte, sagte ich zu meiner Frau: «Zum Glück bin ich nicht mehr dabei - bei dem Tempo hätte ich keinen Puck erwischt.» In spielerischer und mentaler Hinsicht hat das Team unter Patrick Fischer enorm zugelegt. Im Vergleich zu den sechs Weltmeisterschaften, die ich als Spieler erlebt habe, ist das wie Tag und Nacht. Damals igelten wir uns hinten ein und hofften auf ein, zwei Lucky-Punches. Und wenn wir den Viertelfinal erreichten, wussten alle: «Jetzt bräuchte es ein Wunder.»
Reichert (2. von rechts) folgt Anweisungen von Naticoach Ralph Krüger (Foto: Keystone-SDA)
Heute schafft es das Team, immer auf Sieg zu spielen, und im Olympia-Viertelfinal gegen Finnland hat ganz wenig gefehlt, obwohl bei den Finnen selbst in der dritten Linie lauter NHL-Stars spielten. Ich würde es dem Team von Herzen gönnen, wenn es sich an der Heim-WM im Mai mit dem Titel für all die starken Leistungen in den letzten Jahren belohnen könnte. Klar, die Erwartungshaltung wird riesig sein, das sorgt für zusätzlichen Druck. Aber der Erfolgshunger ist mindestens so gross, gerade bei Patrick Fischer in seinem letzten grossen Turnier.
Für mich bleibt nur ein kleiner Wermutstropfen, wenn ich auf meine Karriere zurückblicke: Es fuchst mich, dass ich es nie ins Olympia-Kader der Schweiz geschafft habe. Zu gern hätte ich diese magischen Momente einmal erlebt, den Einzug ins Olympische Dorf, die Eröffnungsfeier, die Begegnungen mit anderen Sportlern. Leider ist dieser Zug abgefahren. Es sei denn, die Schweiz organisiert die Olympischen Winterspiele 2038 und ich bewerbe mich als freiwilliger Helfer.»
Aufgezeichnet von Mathias Morgenthaler, Laufbahnberater Athlete Hub Swiss Olympic
Marc Reichert – Legendenstatus beim SC Bern
Marc Reichert (46) begann seine Eishockeykarriere als 6-Jähriger beim EHC Burgdorf. Zwischen 1997 und 2017 spielte er insgesamt 16 Saisons für den SC Bern, unterbrochen von zwei Jahren beim EHC Kloten und zwei Jahren bei Ambri. Reichert wurde 3-mal Schweizer Meister, absolvierte 1022 Spiele in der Nationalliga und nahm als Nationalspieler an 6 WM-Endrunden teil. Seine Nummer 26 hängt unter dem Hallendach und wird beim SC Bern nicht mehr vergeben. Nach seinem Rücktritt vom Spitzensport schloss Reichert sein Betriebswirtschaftsstudium an der PHW Bern ab. Er war zunächst für die Sportagentur IMS und beim Eishockey-Ausrüster Interhockey tätig, danach leitete er bei der Stadt Bern die Sektion Vermittlung und Arbeitsmarkt. Seit drei Jahren ist Reichert als Leiter Arbeit und Bildung und Mitglied der Geschäftsleitung in der JVA Hindelbank tätig, der einzigen Justizvollzugsanstalt für Frauen in der deutschsprachigen Schweiz. Seine Freizeit verbringt er am liebsten mit seiner Frau, den drei Kindern und dem Hund. Dem Sport bleibt er als Eishockey-Experte bei SRF verbunden, ansonsten bezeichnet er sich als „sportlich inaktiv“.
Marc Reichert als Junior beim EHC Burgdorf (Foto: zvg)
Herausforderung Rücktritt vom Spitzensport: Unterstützung von Swiss Olympic
Der Rücktritt vom Spitzensport ist für Athlet*innen eine besondere Herausforderung: Die gewohnte Tagesstruktur fällt weg, das soziale Umfeld verändert sich, der Körper muss sich ebenso umgewöhnen wie die Psyche – und beruflich braucht es neue Perspektiven. Der Athlete Hub bietet Athlet*innen bis zwei Jahre nach dem Rücktritt kostenlose Beratung an. Hier findest du wertvolle Informationen zum Thema und kannst entdecken, wie andere diesen Übergang gemeistert haben.